Categories
Events

. . . wo Tennis noch medialer Volkssport ist . . .

von Simone Kemler

Share this article

Nach einer wohlverdienten Schaffenspause zur Weihnachtszeit reist alles, was im Tennis Rang und Namen hat, einmal um die Welt, um sich in Neuseeland und Australien wieder erneut miteinander zu messen, Höhepunkt dieser Turnierabfolge ist dabei ohne Zweifel das erste Grand Slam Turnier des Jahres, die Australian Open in Melbourne.

Als deutscher Tennisfan ist man dabei nicht nur neidisch auf das wunderschöne Sommerwetter, das aber jede Menge Überraschungen parat hält. Melbournians sagen “we have four seasons in one day”, meint, das Wetter kann sehr wechselhaft sein, Temperaturschwankungen von +/- 20°C innerhalb von zwei Stunden sind dabei keine Seltenheit, nein – als deutscher Tennisfan ist man in erster Linie darauf neidisch, dass Tennis hier gelebt wird, und das nicht nur in vielen Vereinen im Land, sondern vor allem durch die umfassende Medienberichterstattung, besonders im TV.

Four seasons in one day: looking towards Melbourne Park.
Photo: Vanessa Taylor

Da bemüht man dann tatsächlich wieder die ‘gute alte’ Becker/Graf-Zeit, obwohl das eigentlich so nicht richtig und gut ist, aber es mutet schon merkwürdig an, dass in Deutschland so wenig Tennis auch im (Pay)-TV läuft und Fans keine andere Wahl als haben auf das Internet sowie die Social Media Möglichkeiten zurück zu greifen.

Anders in Australasien en – noch vor Jahreswende beginnt die Vorbereitung auf die Turniere in Tasmanien und Neuseeland. Dann beginnt mit dem Hopman Cup ein wahrer Turniermarathon, Hobart, Auckland, Brisbane und Sydney folgen, Zieleinlauf in Melbourne. Dabei gibt es in der Hauptstadt der Region Victoria nicht nur offizielle Ranglistenturniere, die natürlich alle in Länge im TV präsentiert werden, sondern auch jede Menge Showformate, die allesamt begeistert vom Publikum angenommen werden. Einige Beispiele sind Adelaide’s World Tennis Challenge, ‘Fast 4’ in Sydney, ‘Tiebreak Ten’ oder auch das Turnier Kooyong Classic in Melbourne. Das Besondere bei diesen Showformaten ist u.a. die Änderung der Spielzählung oder des Turnierformates., was bspw. beim ‘Tiebreak Ten’ die Möglichkeit bietet, schneller zu punkten und so das Tennis attraktiver zu gestalten. Darüber hinaus kommen Tennisfans in den Genuß, ihre Idole dann auch einmal anders zu erleben, bspw. Als Moderator oder auch auf dem Spinningrad an der Seitenline. Wer denkt, dass ist auch für die Spieler komplett nur ‘just for fun’, der irrt, allein beim Tiebreak Ten-Einladungsturnier geht der Sieger mit 250.000 Dollar nach Hause, nicht schlecht für ein Taschengeld . . .

Novak Djokovic making his return from injury at the 2018 Kooyong Classic. Photo: Vanessa Taylor

Auf die Frage, ob den Zähl- oder Formatelemente in das Profiranglisten-Tennis übernommen werden sollen, reagieren die Profis eher skeptisch “Das ist zur Unterhaltung toll und macht auch wirklich viel Spaß, aber ich sehe nicht, dass diese Ideen im Profitennis Platz haben,” meint bspw. der Australier Nick Kyrgios.

Eine Hommage an die Anfänge des australischen Grand Slam Tennis und damit eine besondere Position innerhalb dieser Vorbereitungsturniere hat dabei sicherlich das Turnier “Kooyong Classic”. ‘Kooyong’ kommt aus einer Sprache der Aborigines und bedeutet soviel wie ‘Ruheort’, nur ganz so ruhig ist es da jetzt nicht mehr.

The members entrance to the 26 grass courts at Kooyong Lawn Tennis Club. Photo: Kooyong Lawn Tennis Club

Seit ca. 1927 residiert im Osten Melbournes der Kooyong Lawn Tennis Club, der schon zu Pioneerzeiten der Open Ära des Tennis diesen Sport und Australien auf die Weltkarte gebracht hat.

Über Jahre hinweg wurden in Kooyong die Australian Open auf Gras ausgespielt, bis dann mit dem Umzug in den Melbourne Park auch ein Belagwechsel anstand. Diesem Umstand trägt dann wiederum der Club in Kooyong Rechnung und lässt einen Hartplatz auf die Rasenplätze legen, damit dann auch Stars wie Nadal, Djokovic oder wie in diesem Jahr auch Andrea Petkovic der Einladung zu diesem Einladungsturnier folgen.

Übertragen wird das Ganze, was dann schon wieder den Neidfaktor der deutschen Tennisfans steigen lässt, in der Vorwoche des Grand Slam Turniers von Dienstag bis Freitag Live auf Channel 7, dem australischen TV-Rechteinhaber, der während des Grand Slams auf drei Kanälen! Livebilder sendet.

The Australian Open at Kooyong Lawn Tennis Club in the 1970s.
Photo: National Archives of Australia

Damit ist es dann aber für die Australier immer noch nicht genug in Sachen Tennis. Im Vorfeld der Australian Open 2020 hat sich AO-Turnierdirektor Craig Tiley überlegt des World Team Cup wieder in Leben zu rufen . . . richtig, da war doch was?! Der Deutsche Horst Klosterkemper vom Rochusclub in Düsseldorf initiierte diese Idee in den 1970’er Jahren in Zusammenarbeit mit der ATP und schuf ein regelrechtes Zuschauermagnet.

Von 1978 bis 2012 pilgerten Tausende von deutschen Tennisfans auf die schöne Anlage am Düsseldorfer Grafenberg. Diese Mannschaftsweltmeisterschaft hatte in Vorbereitung auf die French Open in Paris ihren ganz eigenen Charme und ihre Aufgabe wurde insbesondere vom Publikum mehr als bedauert. Der Australier Tiley möchte jetzt an diese Idee daran anknüpfen und im Vorfeld der Australian Open einen Herren-Event mit insgesamt 24 Teams starten, der über zehn Tage hinweg gehen und in verschiedenen australischen Städten ausgetragen werden soll. Diese Pläne sind zwar schon konkret, aber noch nicht vollständig verabschiedet, denn die bestehenden Turniere müssten ihren Termin verschieben bzw. evtl. ganz weichen.

Für das Tennis wäre es insgesamt sicher eine gute Entwicklung, dieses beliebte Turnierformat wieder im Kalender zu haben, deutsche Tennisfans müssten dann eher leider wieder den Wehrmutstropfen schlucken, auch dieses Turnier eingeschränkt am Fernseher oder über andere Kanäle zu verfolgen.

Title photo of Andrea Petkovic at the 2018 Kooyong Classic by Stringer/Alamy

Share this article